Auch auf harte Winter folgt ein Frühling
Gastkommentar:
Prof. Dr. Wolfgang Gerke, Wirtschaftsprofessor mit Fachgebiet Banken
und Börsen, über die Lehren aus der Finanzkrise.
Wir durchleben zurzeit die heftigste Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg und befinden uns inmitten einer weltweiten Rezession. Da verwundert es nicht, dass Weltuntergangsszenarien Konjunktur haben. Bevor man Schwarzsehern, die gleich das ganze nächste Jahrzehnt der Krise widmen, Glauben schenkt, sollte man hinterfragen, welche Langfristprognosen sie zu Beginn des Jahres 2007 abgegeben haben. Selbst nach Ausbruch der Finanzkrise vertraten viele Wirtschaftsforschungsinstitute noch die Überzeugung, dass sich die Probleme der Kreditwirtschaft nicht auf die Güter- und Arbeitsmärkte auswirken würden. Auch volkswirtschaftliche Prognosen unterliegen einem Herdentrieb. Sie schreiben häufig bestehende Trends linear oder gar exponentiell fort und gelangen dann zu dramatischen positiven oder negativen Überzeichnungen. Dieser Trendillusion ist vor über zwei Jahrhunderten bereits der britische Sozialforscher Malthus aufgesessen. Nach ihm müsste die Menschheit längst verhungert sein. Auch die Wissenschaftler und Industriellen des Club of Rome haben in ihrer Untersuchung zu den Grenzen des Wachstums 1972 die Fähigkeiten der Menschen unterschätzt, Fehlentwicklungen zu korrigieren und durch Innovationen schädliche Trends zu durchbrechen.
In Krisen machen wir die schmerzhafte Erfahrung, dass wir immer wieder in der Krisenprophylaxe versagen. Angesichts des verursachten Desasters ziehen wir dann aber Lehren aus der Krise, die ähnliche Fehlentwicklungen zukünftig unterbinden sollen. Krisen sorgen damit neben ihren zerstörerischen Wirkungen auch für Strukturverbesserungen, Verhaltensänderungen und Innovationen. Leider verhindert dies nicht das Aufkommen neuer Fehlentwicklungen und Übertreibungen, denn wenn die Menschen wieder Mut gefasst haben, verfallen sie in Übermut und auch auf Innovationen, mit denen sie den nächsten Krisen den Boden bereiten.
Fast alle Finanzmarktgesetze beruhen auf Lehren aus Finanzmarktkrisen. Börsenrecht, Versicherungsaufsichtsrecht, Kreditwesengesetz und Investmentrecht sind in großen Teiauchlen Reaktionen auf Anlegerbetrug, Insiderhandel, Bankinsolvenzen, Marktmanipulation und Risikohäufung. Sie erinnern an spektakuläre Spekulationen und Betrügereien. Der Zusammenbruch der Darmstädter und Nationalbank 1931, die Silberspekulation der Gebrüder Hunt 1980, die Zinsspekulation des Finanzmaklers Münemann 1970 und der durch Bernie Cornfeld verursachte IOS-Skandal von 1970 zählen neben vielen weiteren Finanzmarkteskapaden zu solchen Schlüsselereignissen. In wenigen Jahren wird man unter anderem Lehman Brothers, die Kaupthing Bank, IKB und Hypo Real Estate in die schlecht beleumundete Ahnengalerie der Finanzmarkthasardeure aufnehmen. Die argentinische Baring-Krise von 1890, die niederländische Tulpenkrise von 1639, die Fehlspekulationen von Long Term Capital Management im Jahr 1998, das Platzen der Internetblase und der Zusammenbruch des Neuen Marktes zu Beginn des 3. Jahrtausends erschütterten die Weltfinanzsysteme. Sie vernichteten Existenzen und bestraften Schuldige und Unschuldige. Akteure, Mitläufer und Außenstehende der Finanzmärkte litten gleichermaßen. Doch selbst auf den härtesten Winter folgt ein Frühling. Es lohnt sich deshalb, auch in schweren Zeiten die Aussaat nicht zu vergessen.
Es gehört viel Mut dazu, mitten in der Rezession gegen den Strom zu schwimmen und den von Panik getriebenen Verkäufern als Käufer gegenüberzutreten. Mancher ist zwischenzeitlich von der Finanzkrise so gezeichnet, dass ihm hierzu die Mittel fehlen. Einige laborieren noch heute an den Wunden aus dem Zusammenbruch des Neuen Marktes und dem Kurseinbruch der Telekom-Aktien. Wer hätte aber 2003 bei einem DAX-Stand knapp über 2.000 darauf gesetzt, dass dieser innerhalb von nur fünf Jahren auf über 8.000 Punkte steigen würde? Die privaten Anleger fanden erst wieder begrenztes Interesse an den Börsenmärkten, als diese erneuten Höchstständen entgegenstrebten.
Ist das Jahr 2009 bereits mit dem Tiefststand von 2003 zu vergleichen? Kein Wissenschaftler oder Analyst kann diese Frage zweifelsfrei beantworten. Wer heute bereits investiert, kann das Schicksal des Früheinsteigers aus dem Jahr 2002 teilen. Bei längerem Anlagehorizont lässt sich hiermit aber gut leben. Mitten in der Krise sollte man bei Kapitalanlagen dem allmählich akzeptierten Gedanken der Diversifikation der Anlageklassen den Grundsatz der Diversifikation in der Zeit hinzufügen. Der optimale Eintrittszeitpunkt bleibt Glückssache. Also empfiehlt es sich, das Investieren über mehrere Jahre zu verteilen.
Verursacher der Finanzmarktkrise sind keineswegs nur gierige Investmentbanker. Hauptschuldige sind die amerikanische Regierung und die US-Notenbank. Mit billigem Geld haben sie beim Staat, den Unternehmen und den Bürgern die Verschuldung ausufern lassen. Zinsen, die teilweise unter den Inflationsraten lagen, haben die Subprime-Kredite und Investitionen angeheizt. 2009 wird die Krise wieder mit niedrigen Zinsen und galoppierender Staatsverschuldung bekämpft. Kurzfristig bleibt zur Vermeidung des Kollapses kaum eine andere Wahl. Doch mittelfristig werden die Staatsschulden nicht getilgt werden. Auf die mit der Rezession einhergehenden automatischen deflationären Tendenzen folgen deshalb hohe Inflationsraten. Durch indirekte Steuerprogression und Geldentwertung wird der Staat beim Schuldenmanagement dann auf die Geldillusion der Bürger setzen. Auch dies sollte ein Argument sein, sich frühzeitig mit seinen Anlagen auf diese Zeit vorzubereiten. Manche heute abgewertete Immobilie und Unternehmensbeteiligung wird in Zeiten höherer Inflationsraten eine Renaissance erleben.
